Midsummer 550 zum Isselmeer und zurück

Warum fährt man 550 Kilometer am Stück?

Die Geschichte begann bereits letztes Jahr, sofort nach meiner Düsseldorf-Berlin-Radtour. Es sollte etwas sein, dass alles vorherige in den Schatten stellen sollte. Nach langer Suche fiel die Entscheidung auf Prag. Es sollten 670 km und 7000 hm werden. Soweit mein Plan. Der Ausbruch von Corona und mein verletzter Mitfahrer haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es mußte eine Alternative her.

Die Alternative. Eine Tour zum Isselmeer und zurück, an einem Tag

Ich entschloss mich an diesem Tag die gleiche Midsommertour wie Malte Paulat aus dem Cycling Club Düsseldorf und ein paar andere Jungs zu fahren. 550 Kilometer nach Hoorn am Isselmeer und zurück. Mein Fahrrad war technisch vorbereitet und ich wahr mental auf die Strapaze vorbereitet. Meine Entscheidung stand fest: du fährst das jetzt alleine.

Nach dem Start am Freitag um 8 Uhr ging es zunächst nach Venlo, dann weiter Richtung Nijmegen und Arnheim nach Lelystad am Rand des Isselmeer. Es verlief alles sehr unspektakulär aber das ist ja eigentlich genaus so, wie man es sich als Langstreckenfahrer wünscht. Energie sparen ist angesagt, wenn man so lange im Sattel sitzt. Ich habe deshalb versucht mich an das Limit von 27 km/h und maximal 180 Watt zu halten. So konnte ich die Beine auf den abfallenden Stücken etwas entspannen und ohne ständigem Druck auf den Pedalen fahren. Ich wollte nicht den Fehler machen anfangs zu übertreiben und am Ende keine Kraft mehr zu haben.  Alle 30 bis 50 km wurden kurze Pausen eingelegt.

Wenn einem der Wind die letzten Körner raubt

Leider wehte die ganze Zeit Westwind. Das kostet mich viel Kraft: besonders auf der Überfahrt über den 25 Kilometer langen Houtribdeich von Lelystad nach Enkhuizen. Die Karte zeigte eine Bar, die ich als Pausenstation auserkoren hatte. Dort angekommen kam der Schock: geschlossen. Ich stand da ohne Wasser und halb verhungert. Zum Glück hat mir ein polnischer LKW- Fahrer eine Flasche Wasser spendiert. Vielen Dank dafür. Nach einer netten Unterhaltung konnte die Fahrt weiter gehen.

Nächster Tank und Futterstop: Hoorn. Weiterfahrt nach Amsterdam

Nächster richtiger Halt war Hoorn am Westrand des Isselmeers. Ich hatte mir die leckeren Spareribs verdient. Ich weiß nicht, ob ich so lange damit beschäftigt war die Dinger zu verputzen: bei der Weiterfahrt wurde es schon langsam dunkel.

Einsam ging es auf den schmalen Wegen um das Markeermeer Richtung Amsterdam. Dort kam der nächste Schock. In Holland scheinen alle Tankstellen keinen Nachtschalter zu haben. Ohne Wasser und Verpflegung fuhr ich weiter, bis ich gegen 3 Uhr eine Dorfkneipe gefunden hatte.

Zum Glück gab es zwei Cola. Mit aufgefüllten  Wasserflaschen ging es weiter durch die Nacht. Morgens um 6 dann endlich: ein Wochenmarkt. Nach einem Kaffee und einer warmen Apfeltasche war die Welt wieder heile.

Das dicke Ende zum Schluss. Warum tue ich mir das an?

Die letzten 100 km waren extrem und meinen physischen und mentalen Grenze. So hab ich mich bis nach Hause durchgeschleppt mit dem Gedanken, das machst du nie mehr wieder. Auf der Fahrt kam mir immer wieder durch den Kopf, warum tue ich man sich das an? Endlich zu Hause angekommen gab es zur Belohnung eine Flasche Bier auf der Terrasse. Da sitzt man dann komplett erschöpft und überglücklich es doch geschafft zu haben in der Sonne. Und vielleicht ist genau das die Antwort auf die Frage.

Für dieses Jahr war das sicher meine letzte Extremfahrt, naja bis auf die kurze Version von Düsseldorf300. Mal sehen was 2021 bringt. Mein Learning für das nächste Mal: Nutze jede Chance deine Vorräte aufzufüllen, wer weiß, wann du das nächste Mal die Möglichkeit hast. Es war eine Extremerfahrung, die mir gezeigt hat, wie weit der Körper gehen kann, wenn der Geist willig ist. Das Meiste ist Kopfsache. Und ganz wichtig: Alleine so eine Strecke zu fahren ist auch eine ganz andere Nummer als mit mehreren Leuten.

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